Wird im Osten zuviel gejammert?

  • Heute steht im Tagesspiegen ein Artikel des gebührtigen Weimarers Prof. Detlef Pollack mit dem Titel "Was am Opferdiskurs der Ostdeutschen falsch ist". Da werden einige sehr provokante Thesen aufgestellt, zB Die meisten Ostdeutschen sind zufrieden, das geht im 30-Jahre-Wende-Gejammer unter. Eine interessierte Minderheit betreibt diese Opferdebatte.

    Als gebührtiger Eifeler kann ich da nicht so richtig kompetent mitreden, habe aber den Eindruck, dass der Herr Prof. womöglich schon zu lange in Münster lebt, um auf diesem Gebiet kompetent mitreden zu können.

    Mich würde sehr interessieren, was Ihr Aufsteher aus Brandenburg oder sonstige Leser dieses offenen Forums dazu meint. Und was ist gut, was falsch gelaufen mit den "blühenden Landschaften"? Was müsste geschehen?

  • Um es mal kurz anzusprechen ist durch das Wirken der Treuhandanstalt (führend unter Frau Birgit Breuel) eine exorbitante Deindustrialisierung auf dem Territorium der ehemaligen DDR vorgenommen worden. Gut arbeitende Betriebe wurden zum symbolischen Preis von einer DM an Glücksritter jenseits von Harz und Thüringer Wald schlichtweg verscherbelt. Diese Betriebe wurden plattgemacht. Sei es aus Konkurrenzgründen oder aus Unrentabilität. Resultat war ein enormer Anstieg der Arbeitslosigkeit, ein Lebensgefühl, dass wir DDR-Bürger am eigenen Leibe nicht kannten. Und ein riesiger ideologischer Flurschaden, der hier angerichtet wurde. Anders kann ich das nicht beschreiben!


    Und ich möchte nicht wissen, wie hoch die Selbstmordrate unter den Arbeitslosen damals war.

  • Lieber Adi,

    zu meiner Antwort habe ich mir eine Leseprobe aus Daniela Dahn's neuem Buch " Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute " angesehen. Ich gestehe, ich habe keines ihrer Bücher gelesen.

    Ich weiss aber um ihre tiefgründige Art, die mir zu der Frage, die Du aufwirfst, sympathisch ist.


    Beste Grüsse, Eberhard

  • Ja, Frank, das destruktive Wirken der Treuhand unter der Erzneoliberalen Birgit Breuel dürfte ein entscheidender Punkt sein. Privatisieren vor sanieren, war ihre Devise. So ging der damalige Aufbruch der Gesellschaft einher mit einer massenhaften Zerstörung von Arbeit. Bodo Ramelow hat das gerade erst in einem auch sonst sehenswerten Interview mit Jung & Naiv sehr überzeugend dargestellt, hier ab Minute 39. Er fordert dann ja auch, das Treuhandthema müsse aufgearbeitet werden. Prof. Pollak bedient mit seinen Argumenten die Position, dass doch eigentlich im Osten alles ok oder jedenfalls auf gutem Weg ist. So etwas hört man gern in blasierten konservativen Wessikreisen (es gibt auch andere), mit solcher Argumentation wird man rumgereicht, macht als Professor Karriere. Er pickt sich dazu die ihm genehmen Statistiken und Umfragewerte heraus. Was heißt es denn zB, wenn er feststellt, dass 85% der Ostdeutschen die Demokratie für eine gute Regierungsform halten? Die Interessante Frage wäre doch: welche Form der Demokratie? Und da zeigt sich etwa, dass gemäß einer Civey-Umfrage deutschlandweit 47% mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind, zufrieden hingegen nur 44%. Eine Differenzierung Ost-West gab es in dieser Umfrage nicht. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass der Anteil der Unzufriedenen im Osten noch deutlich höher liegt (im Westen dann wohl freilich niedriger).

    Interessant ist in der Civey-Umfrage auch, dass bundesweit mehr direkte Demokratie gewünscht wird: „Civey-Daten legen nahe: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Fehlen direkter Einflussnahme auf politische Entscheidungen und dem Demokratieverständnis: 72,5 Prozent derjenigen, die glauben, wir hätten keine „echte“ Demokratie in Deutschland und 71,2 Prozent derjenigen, die unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie sind, halten Volksentscheide auch auf Bundesebene für sinnvoll. Unter denjenigen, die zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie sind, ist die positive Einstellung gegenüber bundesweiten Volksentscheiden hingegen sehr viel geringer (26,9%)“.

    Und dann natürlich der unvermeidliche Hinweis, dass 2,3 Billionen Euro in den Jahren seit der Herstellung der deutschen Einheit von West nach Ost geflossen seien. Der erreichte Wohlstand sei in einem nicht unbeträchtlichem Ausmaß ein geschenkter. Dass in dieser Rechnung die andere Seite der Bilanz komplett fehlt, nämlich dass Tausende von Betrieben mit zumindest technisch-organisatorisch gut ausgebildetem Personal für die berühmte eine DM an West-Firmen verscherbelt wurden, mag ich dem Münsteraner Professor garnicht als bewusste Unterschlagung unterstellen. Vermutlich ist ihm das gar nicht bewusst, zumal diese Gegenrechnung ja auch nie gemacht worden und sie also nirgends zu finden sein dürfte.

    Genau die wäre aber ein wichtiges Ergebnis einer Aufarbeitung der Treuhandaktivitäten. In Pollacks Analyse kommt bezeichnender Weise die Treuhand gar nicht vor.


    Meine Meinung über Pollack: ein ehemaliger Ossi, inkompetent und gewissenlos, in seiner Wortwahl zT unverschämt („Der gemeine Ossi ist dreist“), der sich bei den Eliten karrierebewusst beliebt machen will, indem er ihre Selbstgefälligkeit bedient und dazu beiträgt, die dringend notwendige Aufarbeitung der Treuhandarbeit zu verhindern.

  • ..... in vielen Dörfern gibt es jetzt nichts mehr - alles hat dicht gemacht - auch der ''Tante-Emma-Laden" ist weg, mit Ausnahme der Kirche - die sollt man doch im Dorf lassen. 3 mal die Woche zu bestimmten Zeiten kommen Wagen mit Lebensmitteln und nur max. 2 mal am Tag fährt ein Bus. ......

  • Ray, die Leidtragenden sind die älteren Menschen auf dem Dorf, die vom Mobilverkauf abhängig sind. Vielfach werden die Waren zu höheren Preisen angeboten als im Supermarkt. Da waren die Dorfkonsums die bessere Alternative, auch hinsichtlich der Kommunikation der Bewohner miteinander. Der Faden lässt sich weiterspinnen mit den Dorfschulen, die es nicht mehr gibt. Wer als Kind mit dem Schulbus abgeholt und nach Hause gebracht wird, kann sich glücklich schätzen. Aber da gibt es Fälle, das wurde in einer Dokumentation des rbb-Fernsehens ausgestrahlt, da fahren Kinder frühmorgens mit dem Fahrrad 3 Kilometer bis zur nächsten Eisenbahnstation. Dann folgt die Fahrt mit dem Zug nach Frankfurt/Oder Hauptbahnhof. Und von dort die Fahrt mit der Straßenbahn zur Schule. Sowas hat es zu DDR-Zeiten nicht gegeben! Und versetze Dich mal in die Rolle der Kinder. Sie sind durch die Herumgurkerei am frühen Morgen schon völlig fertig, bevor der Unterricht anfängt.

    Ja und was den ÖPNV zu DDR-Zeiten anging, war man auf dem flachen Lande ohne Auto auch aufgeschmissen. Ich hatte eine Zeitlang dienstlich in der Altmark (bei Salzwedel) zu tun. Da fuhr zweimal in der Woche ein Bus nach Salzwedel, dienstags und freitags. Auf deutsch gesagt wurde dort der Mond mit der Stange hochgezogen.

    Das Paradoxe heutzutage ist, dass viele Betriebe auf der "grünen Wiese" entstanden und sich salopp gesagt die Chefs sagten, wie die Mitarbeiter hierherkommen ist uns egal. Das ist eine Komponente für das Entstehen der Pendlerbewegung (und heute wird geschwafelt über Feinstaubbelastung!!!). Zu DDR-Zeiten war jeder Betrieb mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen! Zum Beispiel das Stahl- und Walzwerk Brandenburg an der Havel. Dort existierte ein System von Schichtbussen, die die Arbeiter zur Arbeit und nach Hause brachten. Und auch in der Stadt Brandenburg selber, ein intakter Nahverkehr.

    Da denke ich das das analog an anderen Standorten so gehandhabt wurde.

  • Lieber Adi,

    zu meiner Antwort habe ich mir eine Leseprobe aus Daniela Dahn's neuem Buch " Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute " angesehen. Ich gestehe, ich habe keines ihrer Bücher gelesen.

    Ich weiss aber um ihre tiefgründige Art, die mir zu der Frage, die Du aufwirfst, sympathisch ist.


    Beste Grüsse, Eberhard

    Danke auch für die Leseempfehlung. Von Daniela Dahn gibt`s ne Menge Kritisches.

  • Einen schönen Überblick gibt es hier von Rainer Rupp. Wenn man sich dies zusammen mit dem, was Ihr oben schon dargestellt habt, veranschaulich, erklärt sich sicher die Frage nach dem Jammern.


    https://deutsch.rt.com/meinung…u-kapitalismus-und-krieg/


    Jammern allerdings bringt wohl niemanden weiter.


    Gregor Gysi hat am Mittwoch in Potsdam sehr schön den menschlichen Aspekt dargestellt, als nach der Ursache der Frustration vieler ehemaliger DDR-Bürger und ihres Wahlverhaltens gefragt wurde.

    "Von einer "Vereinigung" von BRD und DDR kann nicht die Rede sein. Die BRD hat nichts, nicht einen I-Punkt, von der DDR aufgenommen. Keine Namensänderung, keine Änderung in der Fahne, keine Änderung der Hymne. Das hätte man vielleicht noch verkraftet. Viele definitive Errungenschaften, die die DDR der BRD voraus hatte, Gleichberechtigung der Geschlechter, Polikliniken, Chancengleichheit vor allem der Kinder beim Zugang zu Bildung, Kunst und Kultur etc., wurden jedoch nicht als solche erkannt und zunichte gemacht, während man sie nun nach 30 Jahren als neue Erfindungen wieder hervorholt. Alles von der DDR wurde als nichtsnutzig erklärt, [Vieles sogar bis heute für lächerlich erklärt, man schaue sich entsprechende Spielfilme, Dokumentationen oder die DDR-Museen an]. Dass die Menschen so entwürdigt und gedemütigt worden sind, muss man wohl niemandem erklären." Herr Gysi mahnte weiterhin an, dass die Versäumnisse, Ungerechtigkeiten, Verletzungen und Fehler der Vereinigung wenigstens eingeräumt werden müssten. Dies könnte den DDR-Bürgern, die eines voraus haben, nähmlich zwei Gesellschaftssysteme gekannt und erlebt zu haben, ihre Würde und damit Gleichberechtigung zurückgeben.

    Dann würden vielleicht auch wieder Alternativen zum Jammern sichtbar.

  • Danke, Ray, guter Hinweis.

    Die Frage ist natürlich, warum bisher noch keines der neuen Bundesländer einschl. Berlin die noch nicht umgesetzen 40% der festlegungen des Einigungsvertrages eingeklagt hat. Das, liebe Susanne, wäre vlt. in der Tat ein lohnendes Thema für Aufstehen. Wie wär´s mit der AG Aktionen? Wie kann so ein Vorschlag initiiert werden? Habe damit noch keine Erfahrungen, weil erst seit 2 Monaten aktiv.

  • Dazu kommt ja noch das Problem, dass auch immer noch keine Verfassung für das nun vereinigte Deutschland nach § 146 GG erarbeitet wurde. Das Grundgesetz, dass einige ja für eine Verfassung halten, ist leider nur ein Grundgesetz, dass unter Einwirkung der USA, als Besatzungsmach, erarbeitet wurde.

  • Dazu kommt ja noch das Problem, dass auch immer noch keine Verfassung für das nun vereinigte Deutschland nach § 146 GG erarbeitet wurde. Das Grundgesetz, dass einige ja für eine Verfassung halten, ist leider nur ein Grundgesetz, dass unter Einwirkung der USA, als Besatzungsmach, erarbeitet wurde.

  • Rechte einklagen..., Verfassung... - dazu müssen die Menschen erst einmal wieder in die Verfassung gebracht werden. Bei der momentanen neoliberalen Polarisierung (arm/reich) und daraus resultierendem Rassismus und einer Faschisierung (Rechtsruck konserv.Parteien) müssen (ohne die Mistgabeln zu bemühen) auf demokratischem Wege wieder soziale Rechte erstritten werden. Dafür muß Aufstehen gerade stehen.

  • @Bernd. Da stimme ich zu, Bernd, allerdings sieht das der politische und mediale Mainstream leider anders. Da wurde halt einfach mal das Grundgesetz umdefiniert zur Verfassung.

    Zu dessen grundlegenden Defiziten hier übrigens noch ein lesenswerter Aufsatz: 70 Jahre Grundgesetz: Wo war das Volk?

    Auszug:

    Das GG von 1949 ist diesbezüglich ein klarer Rückschritt. Statt dem demokratischen Souverän (dem Volk) wurde die Verfassung bis heute mehr und mehr einer Verfassungsgerichtsbarkeit in Gestalt des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG) überantwortet, welches in der Öffentlichkeit als eine Art heilige Instanz, Gralshüter der Verfassung wahrgenommen wird. Der Zusammenhang zwischen Verfassung und Volk gerät dabei weitestgehend aus dem Blick.

  • Am besten in der nächsten VV vorbringen, um abzustimmen zu lassen, ob wir uns dem widmen wollen.

    Liebe Susanne, nach meinem Verständnis wäre das ein Projekt für die AG Aktionen Land Brandenburg, also nicht Potsdam. Wäre ja auch stimulierend, wenn da mal wieder was auf landesebene gemeinsam angepackt würde.Dazu muss der Vorschlag aber doch wohl nicht erst durch sämtliche VV der RGs, oder? Das wäre doch viel zu umständlich.

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